November / SZENE - GN
Der Pressetext zu Skagen’s „Sorry, Sun!“ beginnt mit
einem Zitat des Ex-Bundespräsidenten Roman Herzog aus seiner Ansprache
vom 26. April 1997 im neu errichteten Hotel Adlon in Berlin: „Durch
Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Skagen, so Waggle Daggle Records
(die Plattenfirma) weiter, seien dieser Ruck, der die trüben Tassen
auf dem Musikmarkt beiseite schubst und sich selbst ins Rampenlicht spielt.
Wenn man sie nur lässt. Jeder, der selbst in einer Band spielt, weiß
genau um die Schwierigkeiten und Probleme, die sich einem auf dem Weg
nach oben in den Weg stellen. Der Neuenhauser und Wahl-Kölner Mikael
Jan Sebastian Ahlmeyer, seines Zeichens dänisch-stämmiger Sänger
und Initiator dieser Band, hat es zumindest ein großes Stück
weiter gebracht, als viele andere Lokalbands (traurigerweise?) je kommen
werden. Der kreative Kopf, der einst als Einzelkämpfer – sprich
Singer/Songwriter - startete und auch im Bandensemble noch stetig zur
Akustikgitarre und manchmal auch zur Mundharmonika greift, hat mit der
Zeit Freunde und alte Weggefährten um sich geschart, um mit „Sorry,
Sun!“ den beschwerlichen Kampf gegen die Widrigkeiten im Musikbusiness
aufzunehmen. Mit dabei sind Gerrit Hemmesmann an der Gitarre, Jan Winslet
am Bass, sowie Simon Rauland (Schlagzeug), Jonas Nordholt (Trompete) und
Sascha Vennemann (Percussion).
Skagen’s Debüt bewegt sich immer zwischen wahrem, einfühlsamen
Folk und einem seichten Rock’n’Roll-Gefühl mit Ausflügen
an die sonnigen Küsten des Pop. Um allerdings jedem einzelnen dieser
kleinen Meisterwerke gerecht zu werden, sind hier die elf Songs in der
Einzelkritik:
1. Come To An End
Schläfriger, in moll-gehaltener Song, der mit seinem traurigen Trompetensolo
in die Nacht hinausblickt und den Jazz zumindest teilweise wieder aufleben
lässt.
2. Neverending Time
Deutlich schneller, aber immer noch langsam, erinnern Skagen hier teils
an die Bright Eyes mit mehr Popgefühl. Die Eingangsmelodie auf der
Elektrischen und der angedickte Refrain prägen sich noch vor Ende
des ersten Hördurchgangs ein, während versteckte Percussion-Einlagen
das den zweiten vor der Langeweile retten.
3. Memories
Charakteristisch, lagerfeuertauglich, wunderschön! Anfangs mit feurig-schöner
Gitarre versehen, trägt der über alles erhabene Refrain den
Hörer direkt ins Land der Fantasie, in der der die rote Sonne ins
Meer taucht und der Kragen der Jacke höher gezogen wird, während
der Leuchtturm seine Signale aussendet.
4. Still There
Der Lovesong mit eingebauter Ohrwurmcharakteristik. Warme Streicherklänge
unterstützen die Akustikgitarre im Vers, super!
5. Long Distance Runner
Wieder ein melancholiegeladenes Midtempo-Stück für verregnete
Herbsttage, die man am Besten lesend im Wohnzimmer verbringen kann, um
sich von drinnen die Bindfäden anzugucken, die es draußen regnet.
Erinnert teils an besser produzierte Jonas mit gestimmten Gitarren, wenn
die Western zu einem Solothema ansetzt. Die Assoziation verblasst allerdings
mit der einsetzenden Orgel, die dem Song gegen Ende den nötigen kick
gibt.
6. Waiting
Ein Wechselbad der Gefühle, von fröhlich bis traurig, von Melancholie
zu wohliger Wärme in der Bauchgegend: Skagen haben alles drauf. „Waiting“
ist ein Beispiel für letzteres, überzeugt es doch mit abgeklärter
Verwendung von Stromgitarre, Schlagzeug und Bass in einem Song, der sich
als rein akustischer auch nicht verstecken brauchte.
7. Le Coiffeur
Erstmals findet die Mundharmonika Verwendung und lässt den Folk aufleben.
Da kommt der Friseur in Mikael durch, findet er doch den Haarschnitt dieser
imaginären, vor ihm stehenden Person ungleich hässlicher als
ihr Gesicht. Der unterschwellige Witz wird auf die fröhliche Stimmung
übertragen, für die musicalverwandte Trompetenaufgänge
sorgen.
8. Fragile
Ein tagheller Refrain erhellt das Gesicht dessen, der sich dieses Lied
anhört, nachdem der Beginn rhythmisch einen anderen Fortgang versprach.
Romantik pur! Hier wirkt Ahlmeyers Stimme erstmals richtig ausgereift,
die Naivität der anderen Stücke hat sicher ihren Charme, doch
so gefällt er am Besten. Mehr davon.
9. Apoloanthology
Was für ein Wort… Was für ein Song! Herbstdepression ich
komme, großes Thema, große Emotionen, kleiner Mann. Was dieser
allerdings daherzaubert, lässt Melancholie und schlechte Laune zu
einem Spaß werden, dem sich in der grauen Jahreszeit jeder hingeben
sollte.
10. Fjord
Dänemark, hier wird es klar. Titel und Mundharmonika, sowie leise
vom Schlagzeug getragene Gitarre geben die Location vor, an der dieses
Stück gefälligst zu hören ist. Akustikpop mit Slide-Guitar!
11. Come To An End Part 2
Neunminütiger Ausbau vom Opener, der erstmals verzerrte Gitarren
zulässt und eigentlich auch aus „Come To An End Part 2“
und einem hidden track besteht. Letzterer legt mit einigen Breaks mehr
Wert auf das Arrangement, kommt komplett ohne Schlagzeug aus und gipfelt
in einem seichten Jazzsolo auf der Halbakustischen.
„Das Ergebnis dieser Anstrengung wird eine Gesellschaft im Aufbruch
sein, voller Zuversicht und Lebensfreude, eine Gesellschaft der Toleranz
und des Engagements.“ Mikael, bitte streng dich weiter so an!
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